Leseprobe Taddeus und die Fremden—Band 1

Textfeld: Taddeus und Laura gingen in die Eisdiele und suchten sich ein Plätzchen, an dem sie ungestört waren. Um diese Zeit, unmittelbar nach der Schule, war noch nicht so viel los und daher fanden die beiden einen gemütlichen Tisch in der Ecke. Von dort aus hatten sie einen prima Überblick über das ganze Lokal und konnten sich selber gut hinter den Blumen verstecken. Sie rutschten beide zusammen auf eine Bank und schauten sich dann an. Schweigend schaute Taddeus Laura an und wusste nicht, was er sagen sollte. Natürlich, sie telefonierten viel und dann gab es jedes Mal so viel, was beide zu erzählen hatten, aber das war etwas anderes. Jetzt aber saßen sie nebeneinander, nicht mehr als einen Viertelmeter entfernt und da fehlte offenbar beiden die Worte. Laura schien seit dem letzten Mal etwas gewachsen zu sein, der Größenunterschied zu Taddeus war geschrumpft. Sie war höchstens noch ein halber Kopf kleiner als Taddeus. Auch ihre Haare, hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, waren bedeutend länger als sonst. Laura hatte mal erwähnt, dass sie sich die Haare lang wachsen lassen wollte und wie Taddeus feststellte, sah sie damit gar nicht übel aus. Taddeus fühlte Stolz in sich aufsteigen. Laura war ein verdammt hübsches Mädchen und sicher wurde sie viel umschwärmt, aber nun saß sie mit ihm hier und fühlte sich offensichtlich ganz wohl dabei.

Schließlich war es die Kellnerin, welche den verliebten Augenblick der beiden unterbrach, indem sie mit ihrem Kellnerblock und einem wissenden Lächeln die beiden ansprach. „Na, ihr Süßen, was darf es sein? Wir hätten einen Klasse Eisbecher für zwei Personen. Wie sieht’s aus?“ Die beiden Kinder zuckten leicht zusammen, als wären sie bei etwas Verbotenem erwischt worden. „Äh, wir haben noch gar nicht auf die Karte geschaut. Aber das klingt nicht übel. Was meinst Du, Laura?“ sagte Taddeus. Laura nickte leicht. „Gut, wir nehmen den Eisbecher“ sagte Taddeus zur Kellnerin, welche mit einem lässigen Nicken die Bestellung aufnahm und hinter dem langen Tresen verschwand. Durch das unverhoffte Auftauchen der Kellnerin schien der Zauber des Moments gebrochen worden zu sein, jedenfalls fand Taddeus jetzt seine Sprache wieder. „Ich freue mich, Dich zu sehen“ sagte er und strahlte Laura an. Sie lächelte zurück und sagte „Ich war ganz überrascht, wieso bist Du so früh hier? Wir haben ja noch nicht mal Ferien.“ Taddeus nickte bedeutungsvoll. „Ja, ich weiß, aber meine Eltern mussten früher weg. Stell Dir vor, sie sind nach Russland gefahren.“ Laura schaute überrascht. „Russland?“ fragte sie. „Ja, und ziemlich weit weg sogar. Irgendwo hinter dem Baikalsee. Ich habe mir den Name der Stadt nicht gemerkt, aber Vater sagte, sie müssten mit dem Flugzeug nach Moskau und von dort aus mit dem Zug ca. eine Woche fahren. Sie wollten sich in Moskau mit Kollegen treffen und gemeinsam weiter reisen. Die Russen haben meine Eltern und andere Kollegen eingeladen. Sie haben da wohl was Bedeutendes entdeckt.“ Laura sah nachdenklich aus. „Haben sie erzählt, um was es ging?“ Taddeus schüttelte den Kopf. Seine Eltern hatten sich in geheimnisvolles Schweigen gehüllt, als er sie gefragt hatte und gemeint, sie wüssten selber nicht genau, was da entdeckt worden wäre. Er zuckte mit der Schulter und sagte „Tut mir leid, aber ich weiß nicht, um was es geht.“ Laura sah einen Augenblick enttäuscht aber dann lachte sie. „Na ja, macht nichts, ich freue mich, dass Du da bist. Was wollen wir unternehmen?“ Laura schaute ihn lustig an. Taddeus wusste noch nicht, dass sie sich vorgenommen hatte, ihn diesen Sommer überallhin mit zu begleiten. Taddeus sah sie an. In Gedanken ging er die Dinge durch, welche er in den Ferien alle machen wollte. Sein Opa wollte mit ihm den Hof ausbessern und die Zäune reparieren und dann gab es ja auch den Wald, welcher ihn mit unwiderstehlicher Gewalt anzog aber wie er jetzt so da saß und Laura anstarrte, fiel ihm nichts anderes ein, als dass er mit ihr zusammen sein wollte. Und zwar ununterbrochen. Und genau das sagte er ihr auch.

Laura schaute verblüfft, aber dann lächelte sie und nahm auf einmal Taddeus’ Hand in ihre und hielt sie fest. „Ich freu mich schon“ sagte sie leise und wurde auf einmal ganz verlegen. Was war denn jetzt mir ihr los? Jedes Jahr, wenn Taddeus hier war, verbrachte sie einen Großteil ihrer Zeit mit ihm und auf einmal kam ihr das wie etwas Neues, Aufregendes vor, etwas, was nicht jeder wissen durfte und was ihr Geheimnis war. Ihr kamen die Zeilen eines Liedes ins Bewusstsein. „Tausend mal berührt, tausend mal ist nichts passiert...“ Sie wusste nicht mehr genau, von wem das Lied war, aber sie glaubte auf einmal zu verstehen, was dieses Lied meinte. Konnte dies vielleicht die Liebe sein, von der sie immer wieder gelesen hatte? Laura war verwirrt. Sie hatte sich wie jedes Jahr auf Taddeus gefreut, weil sie mit ihm rumstromern konnte und einfach viel Spaß mit ihm zusammen hatte. Und auf einmal war jetzt dieses merkwürdige Gefühl da. Merkwürdig, aber aufregend und schön.